Kurz aus der Aula

Montags, mittwochs und freitags sowie zusätzlich dienstags steigen die Frauen mit gefüllten Taschen die steilen Treppen hoch: in die Aula, zur Sprachwerkstatt. Hier lernen und üben sie Lesen und Schreiben – einzelne zum ersten Mal in ihrem Leben. Das ist ihnen wertvoll: daher kommen sie zuverlässig. Zunehmend zuversichtlich und selbstsicher machen sie Schritte in eine Welt, auf die sie bisher keinen rechten Zugriff hatten, obwohl die meisten von ihnen doch bereits seit Jahren mit ihren Familien hier leben. Sie hatten und haben aber Kinder und Haushalt zu versorgen, haben Kinder geboren – und ein bisschen Scheu vor der unvertrauten Kultur war vermutlich ebenfalls mit im Spiel.


In einer anderen als der Muttersprache Lesen und Schreiben zu erlernen, ist eine Herausforderung, da nicht nur die Schriftzeichen/Grapheme fremd sind, sondern auch die zugehörigen Laute/Phoneme neu sondiert werden müssen: das Laut-Inventar. Etliche Laute kommen in der Muttersprache gar nicht vor. Eine „phonologische Bewusstheit“, wie Zweitschriftlerner sie häufig mitbringen, wäre da äußerst hilfreich – doch hierüber verfügt eine unfreiwillige Primär-Analphabetin, die man von Schriftkultur und Schule ferngehalten hat, nunmal nicht, sie vermag den eigenen Sprechfluss noch nicht in Laute zu zerlegen, weder in der Fremd- noch in der Muttersprache.


Die Laute der fremden Sprache wiederum erwirbt man über einen speziellen Alphabetisierungswortschatz (A wie Ameise, Arzt…), welcher zunächst ebenfalls völlig fremd ist und mit Laut- und Wortschatzkarten erst schrittweise aufgebaut und dann ständig durch Sprechen und Hören trainiert werden muss.


Hinderlich ist, dass der eigene „Sprechapparat“ bisher natürlicherweise auf die Erzeugung gänzlich anderer Laute und Lautverbindungen eingestellt ist; die „Artikulationswerkzeuge“ müssen also neu koordiniert werden, Muskulatur muss aufgebaut werden – Fortbildung angesagt für Lippen, Zunge und Kehlkopf! – Nicht zu vergessen das Gehör: Es ist ebenfalls nicht primär auf die Laute der deutschen Sprache und Sprecher ausgerichtet, keineswegs!


Als wäre das alles noch nicht Challenge genug, wird das Lesen außerdem monatelang durch die gegenläufige Schreib- und Blickrichtung verkompliziert: Immer wieder setzt sich die Sehgewohnheit „von rechts nach links“ durch, oh nein! Inzwischen können Ghesal und Dima aber darüber lachen, wenn sie sich beim Lesen wieder einmal in
falscher „Fahrtrichtung“ ertappen.
Und wie groß die Freude, wenn man einen einfachen Kurzsatz aus lautgetreuen Wörtern nicht nur „richtig“, sondern „sinnentnehmend richtig“ gelesen hat!

Miteinander Sprechen ist das A und O allen Lernens, und nach Ansicht der Damen geht das am besten mit arabischen, afghanischen und türkischen Köstlichkeiten. Diese werden zur geliebten „Pause“ aus den Töpfen und Tupperdosen hervorgezaubert, welche bis dahin in jenen schweren Taschen verborgen waren: Gefüllte Auberginen, Reis mit Fleisch, Salat, Sesamgebäck, Schmalzkringel … Keine Sorge, es würde für eine Großfamilie reichen! Eine Küchenchefin übertrifft hier insgeheim die andere, alles schmeckt wie im Himmel. Und nun zieht der Duft von arabischem Kaffee und Kardamom durch den Raum…